Stadtwald

Ausflug nach Hümmel / Eifel

Warum gerade Hümmel?


Der kleine Ort Hümmel in der Eifel ist sicher nur wenigen bekannt. Bekannt und berühmt ist aber dessen Förster, Peter Wohlleben. Und das nicht nur wegen seiner beiden Bestseller („Das geheime Leben der Bäume“ und, ganz aktuell, „Das Seelenleben der Tiere“). Viele Glashüttener Bürger kennen ihn und seine Ideen zur alternativen Waldbewirtschaftung aus der SPD-Veranstaltung im Jahr 2014 in Schloßborn. „Anschauen ist besser als nur hören und lesen“, dachte sich der SPD-Ortsverein Glashütten und organisierte eine Besichtigungstour nach Hümmel, wo Peter Wohlleben gemeinsam mit seiner Kollegin Lidwina Hamacher den Wald hegt und pflegt, aber auch bewirtschaftet, denn auch in Hümmel müssen schwarze Zahlen geschrieben werden. Das Thema „Waldbewirtschaftung“ wird in Glashütten seit vielen Jahren kontrovers diskutiert. Vielen Bürgerinnen und Bürgern missfällt die Art der Beförsterung durch den Staatsbetrieb Hessen-Forst: Müssen die vielen Rückegassen sein? Ist es wirklich notwendig mit Harvestern Bäume zu „ernten“? Weiß man eigentlich genügend darüber, welche Schäden diese schweren Maschinen im Waldboden verursachen? Und ist die Douglasie wirklich die Rettung angesichts des Klimawandels? Also machten sich SPD-Mitglieder des Gemeindevorstands, der Gemeindevertretung und interessierte Bürgerinnen und Bürger auf den Weg in die Eifel.

Waldbewirtschaftung ohne Harvester – geht das überhaupt?

Im Gemeindewald empfängt uns die kompetente und sympathische Försterin Lidvina Hamacher, um uns an drei Stationen die Besonderheiten der Waldbewirtschaftung in Hümmel zu zeigen. Gemeinsam mit Peter Wohllleben ist sie für 743 ha Gemeindewald und für ca. 400 ha Wald der Nachbargemeinden zuständig.
Ein Bild aus „unserem Wald“:
In Hümmel verzichtet man auf den Einsatz von Harvestern. Gearbeitet wird nur mit Motorsäge und Rückepferden. „Der Boden ist so wenig erforscht wie die Tiefsee“, erklärt Frau Hamacher. „Wir wissen aber, dass selbst ein einmaliges Befahren mit schweren Maschinen den Boden in hohem Maße verdichtet. Intakte Böden haben eine Speicherkapazität von mindestens 25l, verdichtete Böden können nur noch 1l speichern. Auf Rückegassen wächst mindestens 10 Jahre nichts mehr! Lediglich die oberen 10 cm regenerieren sich nach einiger Zeit. Die Verdichtungen sind aber bis in 2m Tiefe zu messen.
Auf den Boden müssen wir in besonderer Weise Rücksicht nehmen. Er ist unser Kapital. Die Holzernte ist – um im Bild zu bleiben – nur die Rendite!“

Wie soll sich der Wald entwickeln?

Für diese Idee von Nachhaltigkeit begeistern sich auch die Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde Hümmel. Das Konzept der Förster wird von Bürgermeister und Gemeinderat geteilt, die Unterstützung ist groß – quer durch alle Parteien . In Hümmel verfolgt man das Ziel, den vorhandenen Nadelwald langfristig in Laubwald umzuwandeln. Für jeden gefällten Nadelbaum bleibt ein Laubbaum stehen. Bewusst werden in die Fichtenbeständen an geeigneten Stellen Gruppen von kleinen Buchen gepflanzt, immer 40 Bäumchen, sogenannte „Buchenklumpen“, die eng beieinander stehen. Am Ende wird eine Buche übrig bleiben, die zu einem beeindruckenden Baum heranwächst. In ca. 100 Jahren ist es dann soweit: Ein Buchenwald wird entstanden sein, der der ursprünglichen Vegetation in Mitteleuropa entspricht und deutlich besser an das Klima angepasst ist als die Fichte oder überhaupt Nadelholzarten. Die Fichte ist eine fremdländische Baumart, die zwar den ökonomischen Vorteil hat, schnell zu wachsen, aber sie nimmt anderen Bäumen Licht und Wasser und ist anfällig für Sturmschäden. Diese Risiko gibt es bei Buchen nicht.

Welche Verantwortung haben die Jäger?

Auch in Hümmel hat man mit Verbissschäden zu kämpfen. Es gibt – wie fast überall – zu viele Rehe und Hirsch im Wald. Daher muss das Wild bejagt werden. Allerdings sollen sich die Jäger wie „Gäste“ im Wald verhalten. Sie dürfen z.B. nicht mit PKW in den Wald fahren. Darüber hinaus wird eine Bürgerjagd organisiert, die sich bei den Hümmelern großer Beliebtheit erfreut.

Muss man den ganzen Wald nutzen?

„Einige Bereiche haben wir ganz aus der Bewirtschaftung herausgenommen, wir haben sie stillgelegt“, erklärt die Försterin. Das Totholz bleibt liegen, das ist wichtig für bestimmte Vogelarten, z.b. für den Mittelspecht und den Schwarzspecht, aber auch viele Käferarten. In Zusammenarbeit mit der Universität Aachen wurde herausgefunden, dass sich in einem intakten Waldboden 600 Hornmilbenarten tummeln. Das Institut für Umweltforschung der RWTH Aachen begleitet und evaluiert die Waldwirtschaft in Hümmel. Vier Forschungsarbeiten wurden bereits über den Hümmeler Wald geschrieben. „Etwas Besonderes ist unser Projekt ‚Wilde Buche‘. Ca. 100 ha mit Buchenbeständen, in denen einige Exemplare 200 Jahre alt sind, unterliegen dem Totalschutz. Die Flächen wurden komplett aus der Nutzung gezogen.“

Wie finanziert man das alles?

Für einige Maßnahmen gibt es Fördergelder, z.B. für die oben erwähnten „Buchenklumpen“. Der Einsatz von Rückepferden ist zwar teurer, verursacht aber nur ein Minus von 3 – 4 € pro Festmeter. Neben dem traditionellen Holzverkauf – der schwarze Zahlen schreibt – haben sich die Hümmeler Förster andere Geschäftsfelder erschlossen. Dazu gehören auch Seminare und Führungen. Besonders wichtig ist ein Ruheforst von 22 ha Größe. Es ist ein wunderschönes Waldstück, in dem Menschen ihre letzte Ruhestätte finden können. Dieses Gebiet wird weder forstwirtschaftlich noch jagdlich genutzt und wird sich langsam zu einem wirklichen Urwald entwickeln.

Resümee

Beeindruckt von der Schönheit der Natur, den unzerstörten Waldwegen und voll neuer Ideen für Glashütten machen sich die Glashüttener nach der fast 3stündigen Führung auf den Heimweg. Beim Ausklang in der Vulkanbrauerei in Mendig gibt es noch viele Gespräche über das eben Erlebte. Immer wieder hört man: „Toll, wenn wir in Glashütten so etwas auch hinbekämen!“

Linda Godry / Angelika Röhrer